Zehn Tage Konsumverzicht – Ein Selbstversuch

„Von allem zu viel, doch es ist nie genug“, heißt es in einem Lied der Band Frittenbude. Das Zitat passt gut in die heutige Zeit, in der Menschen mit unzähligen Wahlmöglichkeiten und Medien konfrontiert werden. Wie abhängig sind wir von unseren Konsumgewohnheiten? Zehn Tage ohne Internet, Smartphone und Fernsehen sind möglich, doch die Auswirkungen sind gravierend: Man verliert schnell den Anschluss und fühlt sich einsam, wie ich in meinem Selbstversuch herausgefunden habe …

 

Wir kaufen ein, konsumieren Klamotten, Lebensmittel, Fernsehsendungen, Kosmetika. Es scheint nie ein Ende zu nehmen. Ist ein Konsumwunsch befriedigt, taucht baldEinleitung der nächste auf. Zudem wird unsere Gesellschaft durch Internet, Smartphones und Tablets mit Informationen überschwemmt.  An diesem Punkt stellt sich die Frage: Macht Konsum glücklich? Und wie abhängig sind wir von unseren Konsumgewohnheiten? Ich will herausfinden, wie es ist, sich eine Zeit lang zurückzuziehen aus diesem Übermaß an Dingen und Informationen. Ich möchte die unzähligen Wahlmöglichkeiten, mit denen ich täglich konfrontiert werde, reduzieren, die Reizüberflutung durch die Medien eindämmen und herausfinden, ob sich dadurch etwas verändert: zehn Tage ohne Internet, Smartphone, Fernsehen, Kaffee, Alkohol, Süßigkeiten, Kosmetikartikel und den Großteil meiner Kleidung.

 

TAG 0

Morgen geht es los! Ich bin ein bisschen aufgeregt, trinke zum letzten Mal meinen heiß geliebten Kaffee, nasche Schokolade. Ab morgen werde ich zehn Tage lang auf einige Dinge verzichten, die ich lieb gewonnen habe. Schon bei der Vorbereitung meines Selbstversuchs treten erste Hindernisse auf:  Ich bin Mitglied in drei verschiedenen Gruppenchats bei Teaserfoto_KutterufWhatsapp und Facebook mit Bezug zur Hochschule. Die gesamte Kommunikation außerhalb unserer Teamtreffen läuft über diese Chatgruppen. Ich informiere also alle Teams über mein Vorhaben. In Zukunft werde ich nur noch über ein Festnetztelefon erreichbar sein.  Die Leute, denen ich von meinem Versuch erzähle, reagieren übrigens alle positiv und finden meine Idee mutig. Toller Nebeneffekt: Jetzt wissen so viele Bescheid, dass ich nicht mehr bluffen kann.
Als Nächstes miste ich meinen Kleiderschrank aus. Am Ende habe ich mich für eine kleine Auswahl an Kleidungsstücken entschieden, die bleiben dürfen. Ein paar T-Shirts, zwei Strickjacken, Jeans, ein Schal. Eine dunkle Jacke und ein Paar Schuhe runden mein Kleidungssortiment ab. Alle Kleidungsstücke sind unauffällig und schlicht, bei den Farben begrenze ich mich auf weiß, grau und schwarz. Den Rest des Schranks – etwa 95 Prozent – verteile ich auf Umzugskartons, die ich ins Zimmer meiner Mitbewohnerin stelle.

 

TAG 1

Der Tag beginnt ohne Kaffee. Ungewohnt für einen Kaffeejunkie wie mich, irgendwie fehlt einfach etwas. Ich bin schnell angezogen und erscheine ungewohnTag1t pünktlich an der Hochschule. Das mit dem Smartphone- und Internetverzicht klappt gut: Alle, die mich sprechen wollen, kommen persönlich vorbei, rufen mich zuhause an oder erreichen mich gar nicht. Als ich nachmittags etwas fürs Studium vorbereite, merke ich, dass ich effizienter arbeite als sonst. Mein Selbstversuch beginnt, mir zu gefallen.
Nachmittags habe ich ein Teammeeting: Den Termin haben wir wegen mir schon vorab persönlich statt per Whatsapp festgelegt. Später gehe ich ins Yogatraining. Und im Anschluss? Würde ich normalerweise fernsehen. Heute gehe ich zu einem Poetry Slam. Ich verbringe einen wunderschönen Abend mit Freunden und merke, dass ich mich viel öfter zu solchen Aktionen aufraffen sollte.

 

TAG 2

Normalerweise ist Mittwoch mein Ausgeh-Abend. Doch nicht heute. Ich gehe containern – zusammen mit vier anderen Studenten, die sich zu diesem Zweck mehrmals pro Woche treffen. Um halb elf Uhr abends treffen wir uns in einer WG in der Ulmer Weststadt und kleiden unsere Rucksäcke mit Mülltüten aus. Dann schwingen wir uns auf die Fahrräder und düsen los. Gleich beim ersten Supermarkt werden wir fündig. Die Container stehen unverschlossen im Hof und sind bis oben mit Obst und Gemüse gefüllt: Äpfel, Erdbeeren, Orangen, Spargel, Tomaten, Pilze und Kartoffeln. Ich merke schnell: Beim Containern wird Gemeinschaft groß geschrieben, alle arbeiteten zusammen. Einer hält den Mülltütenrucksack auf, ein anderer drückt den Containerdeckel nach oben, leuchtet mit der Taschenlampe und der Dritte wühlt nach brauchbaren Lebensmitteln in der Mülltonne. Nach etwa fünf Minuten wird einer der LebensmitTag2telretter unruhig. Kein Wunder: Der komplette Hof ist mit Scheinwerfern ausgeleuchtet und liegt an einer viel befahrenen Straße. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist entsprechend hoch. Also stopfen wir die letzten Tomaten in einen Rucksack und machen uns aus dem Staub. Wir halten noch an zwei weiteren Supermärkten, bevor wir wieder zum Ausgangspunkt, der WG, zurückfahren. Dort waschen wir die Lebensmittel, breiten sie auf dem Küchentisch aus und teilen sie auf. Auch ich bekomme einen Anteil Kartoffeln, Spargel, Pilze und Obst. „Wenn wir zwei Mal pro Woche containern, müssen wir meistens keine Lebensmittel mehr kaufen“, sagt einer der Lebensmittelretter. Ich bin beeindruckt: Diese Studenten haben sich ein Stück weit aus der Konsumgesellschaft zurückgezogen.

 

Tag 3

Da ich erst spät vom Containern heimgekommen bin, fällt mir das Aufstehen besonders schwer. Zum Glück bin ich schnell angezogen. Bisher scheint noch keinem aufgefallen zu sein, dass ich jeden Tag dieselben Klamotten anhabe. Ich verbringe den Großteil des Tages an der Hochschule. Zum Abendessen gibt es gebratene Containerpilze. NacTag3h dem Essen habe ich Bauchweh. Waren die Pilze schlecht? Als ich daraufhin mein restliches Containergut inspiziere, entdecke ich Schimmel am Ende einiger Spargelstangen. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Eine paar Freundinnen fragen, ob ich zum „Germany’s Next Topmodel“ anschauen vorbeikommen möchte. Ich möchte, darf aber nicht. Heute weiß ich überhaupt nicht, was ich mit meiner freien Zeit anfangen soll. Zum ersten Mal seit ich den Selbstversuch begonnen habe, fühle ich mich isoliert und frustriert und spiele mit dem Gedanken, den Versuch einfach abzubrechen. Warum tue ich mir das an? Ich hätte lieber über Wärmdämmung schreiben sollen. Trotz schlechter Laune bleibe ich eisern und gehe früh schlafen.

 

TAG 4

Abends gehe ich auf ein Konzert. Die Suche nach dem perfekten Outfit bleibt natürlich aus – Ich trage mehr oder weniger dieselbe Kleidung wie an den Tagen zuvor und Make-up benutze ich auch nicht. Trotzdem fühle ich mich wohl. Außerdem wird mir bewusst, dass ich durch meinen Selbstversuch mehr Zeit habe als sonst.
Wir fahren um 22 UhTag4r los und tanzen bis in die frühen Morgenstunden. Der Abend ist fantastisch und endet beinahe fatal: Eine Freundin steckt meine Hausschlüssel ein und vergisst, sie mir zurückzugeben. Ich bemerke den Verlust erst vor meiner Haustür. Instinktiv greife ich nach meinem Handy – das seit Tagen in einer Schublade liegt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zum Haus der Freundin zu laufen und Sturm zu klingeln. Doch keiner macht auf. Beunruhigt stelle ich mir vor, wie ich die Nacht schutzlos vor ihrer oder meiner Haustür verbringe. Darauf habe ich gar keine Lust, also klingle ich weiter. Zwanzig Minuten später habe ich es geschafft, einen der WG-Bewohner aus seinen Träumen zu reißen und die Tür öffnet sich doch noch. Happy End.

 

TAG 8

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, immer dasselbe anzuziehen und keinen Kaffee zu trinken. Ich bin gut gelaunt und gehe joggen. Als ich wieder zuhause bin, telefoniere ich mit zwei Freunden. Statt wie so oft per Whatsapp zu chatten, besprechen wir alles am Telefon und beschließen, uns bald persönlich zu treffen. Ich bin mir jetzt ganz sicher, dass ich produktiver und effizienter bin, seitdem ich mein Smartphone nicht mehr benutze – und zwar nicht nur in Hinblick auf mein Studium, sondern auch in Hinblick auf Dinge, die ich mir privat vorgenommen habe. Wenn ich Pause mache, bin ich nicht auf Facebook, Instagram oder SpiegelOnline, sondern ruhe mich wirklich aus, indem ich zum Beispiel Musik höre. Wenn ich meine Freunde sprechen will, rufe ich an, anstatt zu chatten. Und wenn ich arbeite, arbeite ich ohne zwischendrin im Internet zu surfen. Bei allem, was ich anfange, bin ich von Anfang bis Ende konzentriert und bekomme deshalb viel mehr auf die Reihe als sonst.

 

TAG 10Tag8Tag10
Letzter Tag! Ich bin aufgedreht wie ein Kind vor Weihnachten und fiebere dem Ende meines Versuchs entgegen. Nachmittags besuche ich eine Freundin. „Ich dachte, wir machen uns heute einen schönen Nachmittag“, sagt sie fröhlich. Anscheinend hat sie nicht mehr an meinen Selbstversuch gedacht. Auf dem Tisch auf dem Balkon stehen allerhand Leckereien, unter anderem Schokolade und eine Flasche Wein. Ich zögere. So ein schöner Plan! Und ich habe mir alle Unterpunkte davon verboten. Als ich einen zweiten Blick auf den reichlich gedeckten Tisch werfe, werde ich schwach. „Gute Idee“, sage ich, stecke mir ein Stück Schokolade in den Mund und breche meinen Selbstversuch sechs Stunden vor dem offiziellen Ende ab.

 

 

TAG 11Tag11Fazit
Um 12 Uhr nachts aktiviere ich das mobile Datennetz meines Smartphones. WhatsApp meldet: „Sie haben 197 neue Nachrichten in 10 Chats erhalten“. Ich schüttle den Kopf und beginne die Nachrichten zu lesen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe: Vielleicht, dass ich tiefgreifende Dinge verpassen, aus dem Leben ausgegrenzt würde. Stattdessen muss ich feststellen: weder noch. In den zehn Tagen scheint nichts Wichtiges passiert zu sein.

 

 

 

 

 

Persönliches Fazit:

  1. Kleinigkeiten wie Kaffee oder Schokolade machen mein Leben schöner und schmecken nach zehn Tagen Verzicht noch besser. Um zufrieden zu sein, braucht man aber weniger, als man glaubt.
  2. Die Kombination aus Smartphone- und Internetverzicht sowie eingeschränkten Wahlmöglichkeiten bewirkt, dass ich konzentrierter und produktiver bin und mehr Zeit habe.
  3. Das ständige Übermaß an Möglichkeiten kombiniert mit der Reizüberflutung durch die Medien ist meiner Meinung nach gefährlich und kann zu einer Belastung werden, die im Extremfall zu Krankheiten wie Burnout führt. Jeder sollte selbst darauf achten, in Maßen zu konsumieren, um sich damit selbst zu schützen.
  4. Sich völlig aus der Konsumwelt zurückzuziehen ist absurd, da man sich so selbst aus der Gesellschaft ausgrenzt. Es lohnt sich aber, das Übermaß an allem zu reduzieren.

 

Lisa Kutteruf

Ich heiße Lisa, bin 23 Jahre alt, und komme aus Neidlingen, einem kleinen Ort zwischen Stuttgart und Ulm. Schon als Kind habe ich gerne gelesen und geschrieben. Außerdem liebe ich es, zu reisen und neue Kulturen kennenzulernen – deshalb habe ich das vergangene Semester in Indonesien verbracht. Allgemein verbringe ich viel Zeit mit Freunden; im Winter am liebsten beim Ski- und Snowboardfahren, im Sommer auf sonnigen Balkonen, Festivals oder am Meer.