In den Topf statt in die Tonne – Auf Containertour

„Dumpsterer“ ernähren sich von Lebensmitteln aus den Abfallcontainern der Supermärkte. So sparen sie nicht nur ordentlich Geld, sondern tun auch etwas für die Umwelt. Für die Mülltaucher ist das jedoch sehr oft nebensächlich. Vielen geht es vor allem darum, Kritik an der heutigen Wegwerfgesellschaft zu üben.

IMG_4176IMG_4184

Sobald es dämmert, kurz nach Ladenschluss, ziehen sie los – gehen mit ihren Arbeitshandschuhen in die Hinterhöfe der großen Supermärkte und holen sich ihre Lebensmittel aus den dort abgestellten Abfalltonnen. Es handelt sich um “Waste-Diver” oder einfach “Dumpsterer”. Leute, die sich von Lebensmitteln ernähren, die von großen Supermärkten aufgrund von Mängeln oder abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum in die Abfalltonne geschmissen wurden.

In den Müll damit!

Spätestens seit dem Dokumentarfilm „Taste the Waste“ von Valentin Thurn im Jahr 2011 ist die Diskussion um die Wegwerfgesellschaft, in der wir leben, hochaktuell. Der Film zeigt, wie tonnenweise Lebensmittel in den Industrieländern weggeworfen werden. Anschließend schwenkt er in die Produktionsländer, in denen sich die Menschen, die diese Lebensmittel ernten und produzieren, nicht einmal sauberes Wasser leisten können. Die Intention des Filmmachers: Der Film soll ein mulmiges Gefühl verursachen, bei möglichst vielen Zuschauern Unverständnis hervorrufen.

Alleine in Deutschland werden pro Jahr 15 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. In Lastwagen aneinander gereiht wäre dass eine Strecke von Berlin bis nach Peking. Sobald Kartoffeln eine fehlerhafte Form aufweisen, werden diese von Mitarbeitern aussortiert. Ein Scanner überprüft die rote Farbe einer Tomate. Ist diese nicht rot genug, landet sie ebenfalls auf dem Müll. Das Essen, das in Europa weggeschmissen wird, würde zwei Mal ausreichen, um alle hungernden Menschen dieser Welt zu ernähren.

Essen aus der Tonne – auch ein politisches Statement

“Dumpsterer” sind selbsternannte Abfall-Piraten, die sich gegen dieses Verhalten wehren. Sie fischen weggeschmissene Reste aus den Müll-Tonnen und wollen somit ein politisches Statement gegen die Wegwerfwirtschaft unserer Gesellschaft setzen. Sie tun dies meistens nicht mangels Geld, sondern oft, um in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft ein Zeichen zu setzen. Ich frage mich also – warum nicht einmal selber ausprobieren?

IMG_4195Ich treffe Bianca und Pia an einem lauen Abend im Juni in einem Industriegebiet in Augsburg. Eigentlich habe ich erwartet, dass beide etwas vermummt, zumindest aber in Schwarz, ankommen, da es ja eigentlich nicht erlaubt ist, beim Supermarkt einfach so etwas mitgehen zulassen – auch wenn es sich um Müll handelt. Die beiden haben aber nur Fahrräder und große Rucksäcke dabei. Unser Ziel ist der Hinterhof eines großen Biosupermarktes , der sich sehr gut zum “Waste-Diven” eignet. „Ich gehe mittlerweile ein- bis zweimal die Woche zum Waste-Diven“, verrät mir Pia auf dem Weg zu den Containern. „Nicht zu Aldi oder Lidl, sondern zu den Biomärkten, quasi ins Schlaraffenland“.

Auf geht´s ins Schlaraffenland

Am Ziel angekommen, bemerke ich, dass wir nicht die einzigen sind, die sich aus der „Speisekammer mit ungewissem Inhalt“ bedienen wollen. Es erwarten uns schon einige andere „Waste-Diving“-Begeisterte. Ich bin erstaunt, wie viele unterschiedliche Menschen ich hier bei den Mülltonnen antreffe. Marie, die mit ihren farbigen Hosen, den Dreadlocks und dem Piercing in der Nase ihren alternativen Lebensstil zum Ausdruck bringt, wirft mir einen Pfirsich zu. „Hier, grade gefunden. Du kannst Dir gerne noch mehr mitnehmen, wenn du willst“. Alle helfen hier einander. Der Laden meint es gut mit uns, und gemeinsam stapeln wir das gefundene Gemüse in die von uns mitgebrachten Kisten.

IMG_4198

Verteilt wird erst, sobald die Tonnen komplett durchforstet wurden. Während Marie eine Tonne voller Pilze durchsucht, kümmert sich ein älteres Ehepaar um die Container mit den Milchprodukten. „Schade, heute ist hier nichts Brauchbares dabei“, teilt mir die Frau mit. Die Ausbeute kann sich trotzdem sehen lassen: verpackter Babyspinat, Paprika, Spargel, Kartoffeln, Zucchini, Erdbeeren und Rhabarber – die Liste ist lang. „ Wäre ganz schön teuer gewesen, wenn wir uns das alles gekauft hätten“, meint Bianca und begutachtet die prall gefüllten Kisten. Nach rund einer Stunde ist die Arbeit getan und das Essen wird aufgeteilt. „Wer will noch Pilze, ich habe noch zwei ganze Tüten übrig“, ruft Pia in die Menge. Sofort kommt das ältere Ehepaar und schnappt sich eine Tüte.

Langsam, aber sicher leeren sich auch die anderen Kisten und alle “Dumpsterer” verabschieden sich, um ihre Beute nach Hause zu bringen. Bianca, Pia und ich schwingen uns, glücklich über die tollen Sachen, die wir gefunden haben, auf unsere Räder und fahren nach Hause.

Berührungsängste waren gestern

Auf dem Heimweg erzählt mir Pia, dass sie am Anfang noch mit Handschuhen den Müll durchsucht habe, ihr das aber mittlerweile zu anstrengend sei. „Man kann ja alles abwaschen und das meiste Gemüse schält man sowieso.“ Auch “Dumpsterer” sind selektiv und achten auf Unbedenklichkeit bei ihrem Essen. Auch wenn beim ersten Mal viele Berührungsängste herrschen, “Dumpstern” wird immer beliebter. Die Praxis des “Waste-Divings” schließt vieles mit ein: Gratis-Lebensmittel, soziale Kontakte in vielen verschiedenen Schichten, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und daIMG_4219s Gefühl, etwas für die Umwelt getan zu haben, sind nur einige positive Aspekte des “Dumpsterns”.

Bei Pia soll es zum Mittagessen am nächsten Tag Gemüseauflauf geben. Ihr prall gefüllter Rucksack hängt schwer an ihrem Rücken. Und Übermorgen? Pia zuckt mit den Schultern. „Übermorgen lass ich mich erneut von der Mülltonne inspirieren.“

 

Fanziska Telser

Mein Name ist Franziska Telser und ich studiere Informationsmanagement und Unternehmenskommunikation an der Hochschule in Neu-Ulm. Ich fand es sehr spannend mich im Zuge des Wahlpflichtfachs Crossmedia mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Mir ist dabei aufgefallen, wie wichtig dieses Thema geworden ist und dass man durch kleine Änderungen in seinem Alltag dazu beitragen kann, dass unsere Welt ein kleines bisschen nachhaltiger wird.