Bioplastik – Schein oder Sein?

Seit einigen Jahren suchen Hersteller Alternativen zum konventionellen Plastik, weil dieses kaum abbaubar ist und die Umwelt belastet. Eine Möglichkeit sind Biokunststoffe. Doch was genau ist das? Und wie umweltfreundlich ist es?

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Foto: dpa

Nachhaltigkeit ist in, alles was „Bio“ ist sowieso. Damit ist Plastik per se out. Obwohl Kunststoffe in einigen Bereichen, wie beispielsweise bei Elektrogeräten, unverzichtbar sind, sind sie seit einigen Jahren in Verruf geraten. Plastik soll Stoffe enthalten, die im Verdacht stehen, Krankheiten auszulösen. Darauf macht der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland in seiner Informationsbroschüre „Achtung Plastik! Chemikalien in Plastik gefährden Umwelt und Gesundheit“ aufmerksam. Bis sich Plastik komplett zersetzt, vergehen zudem mehrere Hundert Jahre. So benötigt eine Kunststoffflasche nach Angaben des Umweltbundesamts circa 450 Jahre, bis sie vollständig abgebaut ist. Dies führt zu einem großen Umweltproblem. Denn insbesondere in den Meeren sammelt sich der Kunststoffabfall. Auf diese Weise sind sogenannte Müllstrudel (Link) von gigantischem Ausmaß entstanden.

Gründe, sich nach Alternativen umzusehen. Eine hiervon ist Bioplastik, das seit dem Jahr 1980 auf dem Vormarsch ist.
Aber was genau bedeutet eigentlich „Bioplastik“? Hinter diesem Begriff stecken verschiedene Kunststoffarten, die eines gemeinsam haben: Sie sind biologisch abbaubar. Eine Möglichkeit besteht darin, Kunststoffe auf Mineralölbasis bei der Herstellung chemisch so aufzubereiten, dass sie sich später durch Sonnenlicht und Wasser zersetzen. Bei dieser Variante handelt es sich um abbaubare Polyester. Alternativ können Unternehmen inzwischen auch auf nachwachsendende Rohstoffe wie Maisstärke oder Milchsäure zurückgreifen, sogenannte Stärkepolymere, um Kunststoffe herzustellen.

Ein Vorreiter im Bereich Bio-Plastik ist das Unternehmen NaKu

Ein Unternehmen, das sich Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen verschrieben hat, ist NaKu – die Kurzform für Natürliche Kunststoffe. Die Angebotspalette des sieben Jahre alten österreichischen Kleinbetriebs reicht von Küchenutensilien wie Schneidebrettern bis hin zu Kinderrechen oder kleinen Plastiksäcken. Die sogenannten „Sackerl“ basieren zum größten Teil auf Maisstärke und bilden das Kernstück des Familienunternehmens. „Die Rohstoffe beziehen wir in erster Linie aus europäischen Anbaugebieten, teilweise auch aus Übersee“, erklärt Geschäftsführerin Ute Zimmermann. Langfristig möchte das Unternehmen die Grundstoffe für ihre Forschung und Produktherstellung ausschließlich in Österreich einkaufen, um Transportwege kurz zu halten und so ihrem ökologischen Anspruch gerecht zu werden.

Ist Bioplastik wirklich besser?

Bioplastik ist aber nicht frei von Kritik. Gegner bemängeln, dass Anbauflächen für Nahrungsmittel verloren gehen, wenn Mais für die Plastikproduktion angebaut wird. Solchen Anfeindungen begegnet Zimmermann mit dem Argument, dass diese Rohstoffe in Europa sonst verbrannt würden. „All das, was wir tun, soll einen Kreislauf ergeben. So wollen wir zum Beispiel aus den pflanzlichen Abfallprodukten erneuerbare Kunststoffe schaffen“, sagt Zimmermann. Das sei nicht nur aus ökologischer Sicht ein Erfolg, sondern auch aus wirtschaftlicher. Die Menschen vor Ort hätten Arbeit und gleichzeitig könne das nicht verwendete Material als Tierfutter für Schafe und Co. verwendet werden. In Zukunft, so das Umweltbundesamt, könne man den Nutzen aus den natürlichen Rohstoffen noch vergrößern, indem man zum Beispiel nicht nur den Mais verwendet, sondern auch das Maisstroh. Die Technologie dazu ist aber noch nicht vollständig entwickelt.

Auch der Recyclingprozess von Bio-Kunststoff sei noch nicht ausgereift, bemängelt das Umweltbundesamt. Zwar sei der Stoff biologisch abbaubar, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Oft reiche die Zeit in industriellen Kompostieranlagen nicht aus. Oder das Bioplastik werde wie konventioneller Kunststoff als Störfaktor aussortiert, weil im ersten Moment nicht erkennbar sei, dass der Abfall kompostierbar ist. Das Unternehmen NaKu hält dagegen und behauptet, dass ihr Bioplastik-Säckchen in einer Kompostieranlage sieben Tage benötigt, um vollständig zu verrotten. Achtlos weggeworfen hingegen, benötigt der Prozess ganze fünf Jahre. Im Vergleich zu den mehr als 400 Jahren, die eine herkömmliche Plastiktüte benötigt, dennoch ein klarer Zeitvorteil.

LilliGreen – Ein Onlineshop für nachhaltiges Design

Ein weiterer Vorreiter in dem Bereich nachhaltiges Plastik ist der Onlineshop LilliGreen. Sein Sortiment umfasst neben Designartikel aus recycelten Gegenständen auch Objekte aus Bio-Kunststoff. „Unser Regencape aus Kartoffelstärke hält circa ein bis zwei Jahre“, erklärt Besitzerin Tatjana Haas. „Anschließend verbuddelt man es in der Erde.“ Nach spätestens zwölf Monaten, abhängig von Temperatur und Feuchtigkeit, habe sich das Cape zersetzt. Außerdem können verschiedene Baum- und Pflanzenarten aus dem vergrabenen Cape wachsen. Dem eingearbeiteten Samen sei Dank.

Wie nehmen die Kunden alternative Kunststoffprodukte an?

Die Nachfrage nach den Produkten ist sowohl bei NaKu als auch bei LilliGreen innerhalb der vergangenen Jahre gestiegen. Ebenso ist das Feedback der Kunden durchweg positiv. LilliGreen hat kaum Rücksendungen, und mit Frischhaltebeuteln von NaKu bleiben nach eigenen Angaben Nahrungsmittel länger frisch. Doch trotz positiver Aspekte ist Bioplastik nicht die endgültige Lösung, um konventionellen Kunststoff zu ersetzen. In vielen Fällen, wie bei Abwasserrohren, ist es sinnvoll, weiterhin gewöhnliches Plastik zu verwenden. Angesichts begrenzter Wachstumsmöglichkeiten ist ein kompletter Umstieg auf Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen nicht denkbar. Zudem dürfen die genannten Kritikpunkte nicht außer Acht gelassen werden – im Moment ist Bioplastik, vor allem bei Wegwerfprodukten wie Einwegtüten, noch keine wirkliche Alternative.

In der Gesellschaft müsse insgesamt ein Umdenken einsetzen, sind sich NaKu-Geschäftsführerin Zimmermann und LilliGreen-Betreiberin Haas einig. „Wenn der Kunde für einen Beutel zahlen muss, geht er automatisch sinnvoller damit um“, sagt Zimmermann. Das deckt sich mit der Forderung des Umweltbundesamts, dass es für Tüten aus Kunststoff eine Bezahlpflicht geben sollte. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

250 Tier- und Pflanzenarten fressen Plastikteile oder verheddern sich in diesen. (Quelle: EFSA – Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit ) Ganze 17 Kilo Plastikmüll haben Forscher 2013 im Magen eines Pottwals gefunden. Darunter 30 Quadratmeter Plastikfolie, sowie Schläuche, Kleiderbügel und Teile einer Matratze. (Quelle: EFSA) Illegal entsorgter Müll stellt ebenfalls ein großes Problem dar. Plastik enthält Substanzen wie den Weichmacher Bisphenol A. Dieser gilt als fruchtbarkeitsschädigend und krebserregend. Menschen in Industriestaaten sind zu über 90 Prozent chronisch mit Bisphenol A belastet. (Quelle: Umweltbundesamt) Bei jedem Waschgang mit Kunstfasern landen Mini-Plastikteile im Abwasser. Täglich benutzen wir Produkte mit Mikroplastik, das etwa in Zahnpasta oder Peelings steckt – und ins Abwasser und damit ins Meer gelangt. Es braucht in etwa 450 Jahre, bis eine Plastikflasche verrottet ist. (Quelle: Umweltbundesamt) Herrenlose Knäuel aus Fischereinetzen treiben durch den Nordatlantik und stellen für Tiere, die sich darin verfangen, eine große Gefahr dar. Jährlich werden etwa 280 Millionen Tonnen Plastik produziert. Es gibt kaum ein Produkt, vom Käse bis zum Fleecepulli, das nicht in Plastik verpackt oder ganz daraus gefertigt ist. 500 Milliarden Tüten aus Plastik werden jedes Jahr weltweit benutzt. Die meisten davon nur ein einziges Mal. (Quelle: EFSA) Versuche, Plastik im Alltag zu vermeiden. Hilfreiche Tipps hierfür findest Du im Artikel „Der beste Müll ist der, der gar nicht erst ensteht.“
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Plastik enthält Substanzen wie den Weichmacher Bisphenol A. Dieser gilt als fruchtbarkeitsschädigend und krebserregend. Menschen in Industriestaaten sind zu über 90 Prozent chronisch mit Bisphenol A belastet. (Quelle: Umweltbundesamt)

 

Katharina Hörmann und Verena Kölle

Katharina Hörmann (r.) und Verena Kölle studieren im sechsten Semester Informationsmanagement und Unternehmenskommunikation an der Hochschule Neu-Ulm. Nach ihren Recherchen zum Thema Kunststoff versuchen die beiden nun, Plastik wenn möglich zu vermeiden. Der gute alte Jute-Beutel ist inzwischen ein treuer Begleiter.