Alles Bio?

Die ökologische Landwirtschaft versorgt Konsumenten mit Obst und Gemüse ohne Pestizide. Die Nachfrage boomt nicht nur im Lebensmittelbereich – der Trend geht weiter zu Urlaub auf dem Bio-Bauernhof über nachhaltige Kleidung bis hin zu ökologischer Kosmetik. Aber was heißt „Bio“ für die Landwirte? Mit welchen Herausforderungen kämpfen sie?

Alles Bio_01_TeaserDie Biotal-Hofgemeinschaft in Eselsburg liegt da, wo das Naturschutzgebiet beginnt. Im Sommer grasen Ziegen und Schafe auf den Wiesen. Entlang der Weide schlängelt sich ein Fluss, die Brenz. An diesem steht das Wohnhaus der Familie Bosch. Auf dem Anwesen befinden sich noch Hofladen, Kuhstall, Melkstand und eine Molkerei. Die Boschs führen den Hof gemeinsam mit dem Ehepaar Schlumpberger und Marianne Eßlinger. 120 Hektar bewirtschaftet die Hofgemeinschaft zusammen – nach den Richtlinien von Bioland. 8,2 Prozent aller Bauernhöfe in Deutschland betreiben ihre Landwirtschaft ökologisch, der Rest arbeitet konventionell.

Bio-Nachfrage steigt, Bio-Fläche wächst nur schleppend

Der Trend, Bio-Ware zu konsumieren, steigt. Kaufmotive sind neben Qualität und Geschmack Gesundheit, Umwelt- und Tierschutz. Wie der Arbeitskreis Biomarkt berichtet, gaben Verbraucher im Jahr 2013 in Deutschland 7,55 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus. Das sind 7,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Dagegen stieg die ökologisch bewirtschaftete Fläche nur um ein Prozent. Woran liegt das? Was bedeutet es für Landwirte wie die Boschs, ökologisch zu wirtschaften?

Biotals Umstieg auf Bio

1987 hat die Biotal-Hofgemeinschaft auf Bioland umgestellt. Hans Bosch, Landwirtschaftsmeister, war damals auf einer Tagung. Auf dieser hat ein Vertreter der Pflanzenschutzindustrie berichtet, dass es in wenigen Jahren für alle Bauern normal sein werde, beim Getreide Pilzbehandlungen vorzunehmen. „Da habe ich mich gefragt, ob ich mich wirklich dazu leiten lassen will“, erzählt Bosch. Gemeinsam mit seiner Frau habe er nach Alternativen gesucht, sei im ganzen Land rumgefahren, um Bio-Pioniere zu suchen.

Ökologischer Landbau

Im ökologischen Landbau geht es vor allem darum, umweltbewusst zu handeln. 2001 hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft das staatliche Bio-Siegel eingeführt. Dieses ist auf Lebensmitteln zu sehen, die nach EU-weiten gesetzlichen Richtlinien für den ökologischen Landbau produziert wurden. Diese Mindeststandards sind in der EG-Öko-Verordnung festgeschrieben. Zusätzlich gibt es Siegel der Bioverbände, wie beispielsweise Bioland. Die Verbände arbeiten nach strengen Regeln, die über die des Gesetzes hinausgehen.

Aller Anfang ist schwer

„Als wir angefangen haben, ökologisch zu wirtschaften, gab es überzeugte Biolandwirte. Damals haben Bauern nicht aus finanziellen Gründen umgestellt“, merkt Ingeborg Bosch, eidgenössische Bäuerin, an. Auch weil Futter aus Südamerika importiert wird, war Boschs die Umstellung wichtig. „Man wusste schon in den 80ern, wie sich das auf die Umwelt auswirkt. Urwald wird gerodet und die Bauern dort verlieren ihr Land“, sagt Bosch.

Heute fehle den jungen Landwirten die Überzeugung. Dabei sei es mittlerweile finanziell gesehen einfacher, einzusteigen. Seit Anfang der 90er gibt es Umstellungsprämien. Boschs bekamen damals keine finanzielle Hilfe. Die Vermarktungsstrukturen waren noch nicht ausgebaut. Mühlen und Getreidehändler interessierten sich für Bio-Getreide nicht. Daraufhin hat sich Biotal mit mehreren Bauern zusammengeschlossen, die Kornkreis-Erzeugergemeinschaft gegründet und Bäcker überzeugt.

Ackerbau unter Bio-Bedingungen

„Vor der ersten Ernte hatten wir Angst“, berichtet Bosch. Biolandwirte verzichten grundsätzlich auf chemisch synthetische Pflanzenschutzmittel sowie mineralischen Dünger. Sie düngen ihre Felder nur mit Kompost und dem Mist der Tiere. Dadurch schonen sie Boden und Grundwasser. Um dennoch Unkraut, Schädlinge und Pilze zu bekämpfen, setzen sie auf eine gute Fruchtfolge. Nach drei bis vier Jahren Getreideanbau folgen zwei Jahre Hülsenfrüchte, die wieder Stickstoff in den Boden bringen. Generell bauen Biobauern weniger anfällige Sorten an. Unkraut wird mit Striegel und Hacke bekämpft. Um die Felder herum wachsen viele Blumen, bestimmte Insektenarten in der Umgebung siedeln sich bevorzugt an. Um Schädlinge fernzuhalten, säen Biolandwirte später als ihre konventionellen Kollegen und bauen das Getreide in größerem Abstand an. Dadurch weht mehr Wind durch und Pilzkrankheiten werden vermieden. Gentechnik ist verboten.

Bio in der Tierhaltung

Die Tiere werden in der ökologischen Landwirtschaften möglichst artgerecht gehalten. Während ein Mastrind auf einem konventionellen Hof mindestens drei Quadratmeter Platz hat, sieht ein Bio-Hof nach Bioland-Vorgaben mindestens fünf Quadratmeter vor. Auslauf ist für konventionelle Milchkühe nicht vorgeschrieben, für Bio-Milchkühe muss der Landwirt einen Laufhof oder Weidegang vorhalten. Boschs Kühe sind von April bis Oktober auf der Weide. „Unser Ziel ist es, die Milch aus Gras zu erzeugen, nicht aus Getreide oder Importfutter“, erklärt Bosch. Im Biotal gibt eine Kuh pro Jahr 6.000 Liter Milch, eine konventionelle Kuh produziert zwischen 8.000 und 9.000 Liter.

Wenn die Tiere im Stall sind, können sie jederzeit in einen Auslauf. Liegeflächen sind eingestreut mit Stroh – im konventionellen Landbau kommen manchmal noch Gummimatten vor. Die Anzahl der Tiere richtet sich auf Biohöfen nach der landwirtschaftlichen Fläche. Man kann nur so viele Tiere halten, wie man auch füttern und wiederum Gülle ausbringen kann. Auch der Einsatz von Medikamenten ist beschränkt. Behandelt ein Biobauer seine Kuh mit Antibiotika, darf dieser die Milch doppelt so lange nicht verwenden, wie sein konventioneller Kollege. Im Biotal ist der Tierarzt selten.

Rahmenbedingungen für die Fütterung

Auch bei der Fütterung gibt es für Biokühe Besonderheiten: im Sommer frisches Gras, im Winter Silage und Heu. Das Futter der Wiederkäuer muss zu mindestens 50 Prozent aus dem eigenen Betrieb oder aus regionalen Kooperationen stammen, der Rest darf zugekauft werden. Dabei dürfen nach EU-Richtlinien fünf Prozent aus der konventionellen Landwirtschaft angeliefert werden, vorausgesetzt, das Futter ist nicht ökologisch erhältlich.

Vorschriften in der Lebensmittelverarbeitung

Bei der Verarbeitung von Lebensmitteln müssen 95 Prozent der Zutaten einen ökologischen Ursprung haben. Nur dann erhalten sie das Siegel „Bio“. Die Landwirte dürfen weniger Zusatzstoffe, keine Geschmacksverstärker, Farb- und Konservierungsstoffe verwenden. Boschs Wurst beispielsweise ist weißer und weniger lang haltbar als üblich, da sie weder Nitrit-Pökelsalze, noch Phosphat enthält. Ihre Frischmilch pasteurisieren sie, homogenisiert wird sie nicht.

All diese Auflagen und Vorschriften führen zu Mehrarbeit und höheren Kosten, erfordern ein größeres Wissen sowie handwerkliches Können. Die Art des Ackerbaus lässt die Ernte geringer ausfallen. Kontrollen, die auf Biohöfen verstärkt stattfinden, sowie die Nutzung des Verbandsiegels steigern Ausgaben in der ökologischen Landwirtschaft. Entscheidet sich ein Bauer dazu, auf Bio umzustellen, muss er seinen Stall umbauen. Die ersten zwei Jahre arbeitet er nach den Vorschriften für nachhaltige Landwirtschaft, muss seine Produkte aber weiterhin konventionell verkaufen.

Umstieg auf Bio derzeit nicht attraktiv

Aktuelle Herausforderungen machen es nicht attraktiv, auf Bio umzusteigen. Preisabstände zwischen konventionellen und ökologischen Rohstoffen haben sich verringert. Laut einer Auswertung des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft lag im Wirtschaftsjahr 2012/13 das Durchschnittseinkommen der Öko-Testbetriebe seit vielen Jahren erstmals wieder unter dem Einkommen vergleichbarer konventioneller Betriebe.

„Der Biogas-Bereich ist eine weitere Sache, die uns Sorgen macht“, sagt Johannes Ell-Schnurr, Geschäftsleiter Demeter Baden-Württemberg. Aufgrund staatlicher Unterstützung können Biogas-Betriebe höhere Pachtpreise für die Felder zahlen – es kommt zu Konkurrenzen. „Wir haben derzeit einen sehr geringen Flächenzuwachs. Unsere Betriebe sind froh, wenn sie ihre gepachteten Flächen behalten können und beispielsweise nicht von Biogas-Betrieben ausgestochen werden.“

Das Kernproblem der aktuellen Marktsituation sieht Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller, darin, dass die Verbraucher immer mehr Bio nachfragen, die ökologisch bewirtschaftete Fläche derzeit aber kaum wächst. „Das bedeutet ja, dass zunehmend Waren auch aus Drittländern importiert werden. Das passt nur bedingt zum Bio-Konzept.“

Überarbeitung der Bio-Richtlinien gefährdet Existenzen

Deshalb sei er auch sehr skeptisch gegenüber dem Vorhaben der EU-Kommission. Diese hat im März 2014 vorgeschlagen, die EG-Öko-Verordnung komplett zu überarbeiten. Zwei Kriterien des EU-Vorhabens stoßen auf starke Kritik der Bauern. Zum einen plant die Kommission, Anpassungen an regionale Gegebenheiten abzuschaffen. In Baden-Württemberg haben Landwirte oft verhältnismäßig kleine Betriebe. Diese befinden sich mitten im Dorf, die Ställe sind daher sehr eng. Neue Ställe müssten die Bauern außerhalb des Dorfes bauen. Das wäre mit höhen Kosten verbunden.

„Zum anderen will die EU-Kommission vom Prozess- zum Produktcharakter“, sagt Beck. „Die Idee von Bio ist ja, ein möglichst umweltschonendes Landwirtschaftssystem zu etablieren.“ Dabei gehe es unter anderem darum, welche Mittel Bauern auf ihren Feldern ausbringen und wie sie ihre Tiere halten. Die Kommission will nun die Bedürfnisse der Kunden in den Mittelpunkt rücken. Ob ein Produkt Bio ist oder nicht, will sie künftig davon abhängig machen, ob sich Rückstände, beispielsweise von chemischen Spritzmitteln, im Endprodukt befinden. Von diesen Plänen sind Biobauern in Süddeutschland betroffen. Dort befinden sich neben Bio-Äckern oft konventionelle Nachbarn. Wenn sie Spritzmittel ausbringen und ungünstiger Wind geht, triften die Mittel auch auf den Bio-Acker. Der Biolandwirt kann seine Ernte dann nur noch konventionell verkaufen, obwohl er biologisch gewirtschaftet hat. „Wir können doch keine Käseglocke über unsere Felder machen“, empört sich Ell-Schnurr. Auch Beck findet, dass die Kommission damit das Bio-Konzept auf den Kopf stellt. „Rückstandsfreie Ware kann ich nämlich auch machen, ohne dass meine Kühe Freilauf haben und ohne Fruchtfolge auf dem Feld.“

Nicht zuletzt verärgert die Betroffenen, dass die EG-Öko-Verordnung erst vor kurzem überarbeitet wurde. „Biolandbau ist doch keine Erfindung von Brüssel, sondern von engagierten Landwirten, die eine Alternative gesucht haben“, sagt Wolfram Dienel vom Deutschen Bauernverband. Der Bundesrat hat am 23. Mai zu dem Vorschlag aus Brüssel einen Beschluss gefasst: In diesem wird einer Totalrevision der Öko-Verordnung eine Absage erteilt und für eine Weiterentwicklung der bestehenden Verordnung geworben.

Lisa Pietzschmann

Ich studiere IMUK mit dem Schwerpunkt Crossmedialer Journalismus. Das Schöne am Journalismus ist interessante Menschen und spannende Themen kennenzulernen.