Alles nur nicht Durchschnitt

Jeans und T-Shirt. Eigene Wohnung. Die Beschreibung eines ganz normalen Mannes. Doch für viele dürfte Fabian Maucher, 24 Jahre, das erst auf den zweiten Blick oder bei näherem Kennenlernen sein. Denn er sitzt im Rollstuhl.

8,6 Millionen Deutsche sind geistig oder körperlich behindert.  Etwa 94.000 Homosexuelle leben in Lebenspartnerschaften oder in einem gemeinsamen Haushalt zusammen. 8,7 Millionen Deutsche haben einen Migrationshintergrund. Sie entsprechen nicht dem Durchschnitt, sind anders. Eine Minderheit. Und sie wollen, wie Fabian, im September wählen gehen. Nur wen?
Viele Minderheiten können sich mit den Wahlprogrammen der gängigen Parteien nicht identifizieren. Als Homosexueller die CDU wählen? Fast undenkbar. Natürlich gibt es eine Vielzahl anderer Parteien, die dem jeweiligen Lebensentwurf vielleicht näher kommen. Doch geht es beim Wählen nicht darum, für eine Partei abzustimmen, die wirklich passt? Und nicht nur für das kleinste Übel? Die passende Partei zu finden, ist für viele Minderheiten schwierig.

 

 

Ohne Lobby ist es schwierig, gehört zu werden

Fabian Maucher kann die Frage, ob seine Behinderung ihn beim Wählen beeinflusst, nicht eindeutig beantworten. Aber er sieht sich von den Parteien nicht ausreichend vertreten. „Themen, die für behinderte Menschen wichtig sein könnten, habe ich bisher noch nie bewusst in den Wahlprogrammen wahrgenommen. Da fehlt uns einfach eine Lobby“, sagt Fabian und zuckt mit den Schultern. „Es ist für die Parteien leichter und rentabler, sich für oder gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen einzusetzen, als für Behinderte.“ Autofahrer gibt es immerhin 30,8 Millionen in Deutschland.
Für viele Minderheiten gilt, dass sie für die Politik nicht interessant sind. Sie stellen nicht die breite Masse der Wähler und werden so im Kampf um Stimmen gerne vergessen. Damit sie in die Gesellschaft integriert und ihre Wünsche umgesetzt werden, müssen sie aktiv werden. „Unterstützung von Seiten der Politik gibt es schon“, sagt Fabian „doch man muss auch selbst etwas dafür tun“. Er hatte das Glück, dass sich seine Eltern schon immer für ihn eingesetzt haben. In einem normalen Kindergarten und an normalen Schulen konnte er wie andere Kinder lernen und aufwachsen. Ein Umstand, der nicht selbstverständlich ist. Fabian findet, für mehr solche Beispiele solle sich die Politik auf jeden Fall einsetzen. „Schulen für Körperbehinderte sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Das Geld sollte für bessere Assistenzsysteme verwendet werden, die mehr Körperbehinderten einen normalen Schulabschluss ermöglichen.“

Von Gesellschaft und Politik ausgegrenzt

Minderheiten werden in ihrem alltäglichen Leben oft abgestempelt. Als Spasti. Als Homo. Als Islamist. Für sie wäre es wichtig, dass die Politik noch mehr für ihre Inklusion tut, sich für sie einsetzt und zeigt, dass sie nicht am Rand der Gesellschaft stehen, sondern „trotz allem ganz normal“ sind.
Wie andere in seinem Alter hatte Fabian nach seinem Realschulabschluss einen Beratungstermin beim Arbeitsamt vereinbart. „Der Mitarbeiter hat einfach sein Rollstuhlfahrerprogramm durchgezogen und sagte mir, auf dem Arbeitsmarkt hätte ich sowieso keine Chance“, erzählt Fabian und kann es immer noch nicht richtig glauben. Das Arbeitsamt sprach ihm pauschal jede Kompetenz ab. „Bei anderen Menschen ist der Realschulabschluss ja auch Beweis genug, dass man für den Arbeitsmarkt geeignet ist.“ In eine Einrichtung für Körperbehinderte wollte er auf keinen Fall gesteckt werden, bewarb sich bei Unternehmen auf Ausbildungsplätze und wurde fündig. Viele andere, berichtet Fabian, seien durch solche abwertenden Aussagen verunsichert. Selbst bei normalen Schulabschlüssen würden oft noch psychische Eignungstests und Einstufungsuntersuchungen durchgeführt, die am Selbstwertgefühl der Behinderten nagten. „Viele ergeben sich dann in ihr Schicksal, weil ihnen nichts zugetraut wird.“ Den Unternehmen Strafen aufzuerlegen, wenn sie nicht genug Behinderte einstellen, bringe nichts. Viele könnten den normalen Arbeitsmarkt ja oft gar nicht erst erreichen. Seiner Erfahrung nach sind Unternehmen durchaus interessiert daran, auch Körperbehinderte einzustellen. Die Politik steht dem seiner Meinung nach jedoch im Weg. „Sie hat Einrichtungen geschaffen, die jetzt natürlich auch ausgelastet werden sollen. Und so bleibt oft das Individuum mit seinen Fähigkeiten auf der Strecke.“ Hier wünscht sich Fabian eine Veränderung. Er, und mit ihm viele andere, haben es satt, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Mit Selbstbewusstsein Vorurteilen entgegentreten

Fabian sitzt im hellen Wohnzimmer seiner Erdgeschosswohnung. Er hat geschafft, wovon viele noch träumen: Er hat seinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Trotz Behinderung. Weil er von seiner Familie unterstützt wurde. Und weil er weiß, was er schaffen kann.  Für alle, die nicht so selbstbewusst sind, kann man nur hoffen, dass sie von Familie, Freunden und der Politik unterstützt werden. Dass es Parteien gibt, die sie in ihrem Anderssein bekräftigen und mehr als nur das kleinste Übel sein können, das man wählt.
 Fabian sitzt vor seinem Laptop. Die Frage, wen er wählen wird, ist noch nicht entschieden. Wenn der Wahl-O-Mat ihm dieses Mal aber wieder die SPD vorschlägt, weiß er nicht, ob er sie wählen soll. „Die wissen dieses Jahr auch nicht so richtig, was sie machen“, meint er.

Katharina Maier

Katharina Maier, 23, studiert im 6. Semester IMUK mit dem Schwerpunkt Crossmedialer Journalismus. Besonderes Interesse hat sie, wie ihr Schwerpunkt zeigt, an journalistischen Fächern, Unternehmenskommunikation und Social Media.
Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten in der Natur oder mit gutem Essen.

Tanja Knefel

Tanja Knefel, 23, studiert im 6. Semester Informationsmanagement und Unternehmenskommunikation. Am crossmedialen Journalismus gefallen ihr vor allem die vielen Möglichkeiten, die das Internet bei der Darstellung von Themen bietet. In ihrer Freizeit ist sie mit ihrer Kamera unterwegs, fährt gerne Quad und genießt das Leben.